Kailash Satyarthi, der Friedensnobelpreisträger 2014.

Kailash Satyarthi: Die Wirtschaft ist beides – Verbündeter und Feind

Er ist der Friedensnobelpreisträger 2014. Kailash Satyarthi wurde gemeinsam mit Malala Yousafzai ausgezeichnet. Er ist 61, sie ist 18 Jahre alt. Er ist Inder, sie ist Pakistanerin. Beide kämpfen für die Rechte von Kindern. Im Gegensatz zu Malala kann Satyarthi weiterhin auch in seiner Heimat für seine Ziele kämpfen.


Als Kailash Satyarthi im November 2014 den Friedensnobelpreis erhält, ist er so manchem unbekannt. Das ändert sich bald. Satyarthis Geschichte geht um die Welt: Wie er schon als Junge beschloss, gegen Unrecht zu kämpfen. Wie er seinen Job als Ingenieur an den Nagel hing, um sich gegen die Kindersklaverei zu engagieren. Wie er sich bis heute für die Rechte von Kindern einsetzt – nicht nur in seiner Heimat Indien.

Kailash Satyarthi empfängt in seinen Büroräumen in Delhi. Ich treffe Satyarthi – gemeinsam mit zwei deutschen Kollegen – im Rahmen des Medienbotschafter-Programms der Robert Bosch-Stiftung. Wir sitzen in einem kleinen, fensterlosen Zimmer – eine Art Besprechungsraum. Die Klima-Anlage surrt leise und beständig. Satyarthi trägt eine weiße Hose und eine weiße Kurta (ein kragenloses Hemd) mit einer hellbraunen Weste darüber. Es ist eine typische Kleider-Kombination für Satyarthi – wie für viele Männer in Indien.

Die Gesetze gegen Kinderarbeit sind gut, aber es fehlt die Umsetzung

1980 gründete Satyarthi die Nichtregierungsorganisation Bachpan Bachao Andolan (BBA) – die Bewegung zur Rettung der Kindheit. Bis heute hat die Organisation nach eigenen Angaben 84.000 Kinder gerettet. Das heißt, Kinder wurden aus Minen, Steinbrüchen, Fabriken befreit. Teils mussten sie dort als Schuldknechte schuften. In diesen Fällen sind die Familien bei den Arbeitgebern verschuldet. Sie tilgen mit ihrer Arbeit den Kredit. Doch die Zinsen sind so horrend und die Löhne so niedrig, dass es nicht gelingen kann, die Schulden loszuwerden. Die Familien – mit den Kindern – werden quasi verknechtet und die Schulden sogar „vererbt“. BBA zählt über 400 Partnerorganisationen in Indien, Pakistan, Nepal und anderen Ländern. In Indien wurden zudem Rehabilitationszentren für ehemalige Kindersklaven eingerichtet.

Dabei ist Kinderarbeit in Indien verboten. Kinder unter 14 Jahren dürfen weder in Minen noch in Fabriken arbeiten. Die Schuldknechtschaft ist mit dem „Bonded Labour System (Abolition) Act“ von 1976 untersagt. Auch international hat sich Indien durch die Ratifikation der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen dem Schutz der Kinderrechte verpflichtet. So eindeutig die Gesetzeslage ist: Mit der Umsetzung hapert es, wie bei anderen Gesetzen auch. Es gibt keine konsequente Überprüfung von Fabriken und Minen. Kriminelle können sich freikaufen, denn Korruption gibt es auch hier. Und es gibt arme Familien, die das wenige Geld, das die Kinder nach Hause bringen, brauchen. Es geht um das tägliche Überleben, Schule spielt da keine Rolle.

Einmischung unerwünscht

Als Satyarthi 2014 den Nobelpreis gewinnt, gibt es auch Kritik. Im Forbes Magazin Asia schrieb Megha Bahree über ihre Erfahrungen mit seiner Organisation Bachpan Bachao Andolan (BBA). Man habe ihr Kinder als Kinderarbeiter präsentiert, die keine waren. Und sie hält fest: „The problem is that the more children you show ‚rescued‘, the more funds you get from foreign donors.“ Doch es bleibt bei dieser einen Erfahrung, und Bahree liefert keine weiteren Belege. NBC News listete im Oktober 2014 auf, wer in Indien gegen die Preisverleihung war. Inder bekämen nur einen Friedensnobelpreis (Satyarthi ist übrigens der erste), wenn sie Geld aus den USA oder Europa bekämen. Man lehnt die Einmischung von außen ab und Satyarthi übertreibe beim Problem der Kinderarbeit, auch um sich selbst als Retter darstellen zu können und so weiter. Ein Punkt in der Liste ist interessant. Nämlich, dass die neue Mittelklasse Indiens Satyarthi zwar feiere, aber selbst teils Kinder als Hausangestellte hätten.

Denn es gibt hunderttausende Kinder, die in Privathaushalten vor allem der urbanen Mittelschicht arbeiten. Genaue Zahlen fehlen. „Das Problem von Kinderarbeit in Privathaushalten ist gravierend und nimmt in fast allen schnell wachsenden Ökonomien zu“, erzählt Satyarthi. „In Südafrika, Brasilien, Peru, Russland, Nigeria. In Indien auf jeden Fall. Die Mittelschicht wächst und sie sucht nach billigen Arbeitskräften. Und das sind oft Kinder. Sie nutzen ihre Verwundbarkeit, die körperliche und mentale Verwundbarkeit.“ So scheinheilig geht es auch bei den Konsumenten im Rest der Welt zu. Kinderarbeit lehnen sicherlich alle ab. Doch wir sind nicht dazu bereit, mehr zu zahlen zum Beispiel für fair produzierte Kleidung. Dabei geht es nicht allein darum, Kinderarbeit auszuschließen, sondern dass die Eltern der Kinder anständig bezahlt werden. Dann können sie selbst für ihre Kinder und für deren Bildung aufkommen.

Für eine faire Wirtschaft kämpft auch Satyarthi. Die Privatwirtschaft sieht er nicht allein als Feind, sondern auch als Verbündeten. Die Probleme lösen, das geht nur mit den Unternehmen. Das hat Satyarthi erfolgreich im Bereich der Teppich-Industrie gezeigt. „In den 1990er Jahren habe ich die RugMark-Kamapgne gestartet [das RugMark-Label, heute bekannt als Good Weave-Label, ist ein Gütesiegel für Teppiche, die ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. 1995 erhielten erste Teppiche in Indien das Siegel.] Diese Kampagne hatte den größten Erfolg bislang, wenn es darum geht, Kinderarbeit zu reduzieren. Von einer Million Kindern in der Teppich-Industrie in Asien zu knapp 200.000 heute.“

„Diese Leute sind Kriminelle“

Satyarthi wurde bei seiner Arbeit nicht nur einmal angegriffen und verprügelt. Heutzutage ist er bei den Rettungsaktionen nur noch selten dabei. „Meine Mitarbeiter haben mir davon abgeraten. Die Leute erkennen mich, auch die Polizei. Für die Operation selbst könnte das eher schlecht sein.“ Der Nobelpreis habe die Arbeit von BBA nicht erleichtert. „Im September wurde eines unserer Teams in Delhi fast angegriffen, sie sind weggelaufen. Diese Leute sind Kriminelle. Sie halten Kinder als Sklaven. Es gab im vergangenen Jahr auch Übergriffe in Punjab [Bundesstaat im Nord-Westen]. In der Stadt Ludhiana wurden Mitarbeiter verprügelt. Sie wollten verschleppte Kinder retten, die dort in der Textilindustrie gearbeitet haben für den Exportmarkt.“

Aber Satyarthi kann auch einen Wandel erkennen und ein wachsendes Bewusstsein, dass Kinderarbeit nicht hinnehmbar ist. Es sei nicht mehr so einfach möglich, Kinder zum Beispiel im Zug zu verschleppen. Die Leute würden nachfragen oder sogar die Polizei rufen. Die Menschen würden den Wert von Bildung zunehmend erkennen – egal wie arm sie sind. „Das war vor zehn Jahren noch nicht so. Und das gilt nicht allein für Indien. Die Ärmsten erkennen Bildung als das mächtigste Instrument zur Ermächtigung. Es geht ihnen nicht nur um Beschäftigung, sondern auch um Empowerment.“

Diesen breiten Ansatz, um Kinderarbeit zu bekämpfen zeigt sich auch in The Kailash Children’s Foundation (KSCF), deren Vorsitzender Satyarthi ist. Aus der täglichen Arbeit von BBA hat er sich zurückgezogen. KSCF ist global aufgestellt und will global wirken. Für Satyarthi geht der Kampf weiter – weltweit und in seiner Heimat Indien. Malala Yousafzai hingegen, die gemeinsam mit ihm mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, musste ihre Heimat Pakistan verlassen. Die Gefahr für die 18-Jährige durch die Taliban ist zu groß. Malala lebt in Großbritannien und kämpft von dort weiter für die Rechte der Kinder – auch in Pakistan.

 

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