Der Tempel der Mutter, das Matrimandir, in Auroville (Foto: Sonja Ernst).

Auroville: Gesellschaftslabor in Indien

2.500 Einwohner aus 49 Nationen leben in Auroville, ganz im Süden Indiens. Der Ort will eine universelle Stadt sein – Nation, Geschlecht, Religion, Geld sollen keine Rolle spielen. Mittendrin steht das Matrimandir, der goldene Tempel. Für viele der wichtigste Flecken in Auroville, andere gehen auf den Sportplatz.


Ich habe für die Weltzeit von Deutschlandradio Kultur über Auroville berichtet. Die Reportage lief am 14.12.2016. Hörer hatten sich Auroville als Thema gewünscht. Das Audio gibt es noch ein paar Wochen zum Nachhören:
http://www.deutschlandradiokultur.de/leben-in-der-utopischen-stadt-gesellschaftslabor-auroville.979.de.html?dram:article_id=373833

Zuvor habe ich für den Deutschlandfunk in der Sendung „Sonntagsspaziergang“ am 18.09.16 über Auroville berichtet. Das Manuskript gibt es noch zum Nachlesen:
http://www.deutschlandfunk.de/auroville-gesellschaftsutopie-im-sueden-indiens.1242.de.html?dram:article_id=366190

Auroville ist so grün. Es ist sauber, nirgendswo liegt Müll herum. Und es ist leise. Klingt vielleicht spießig, aber im Vergleich zu vielen anderen Städten in Indien (den meisten?) tut das gut. Auroville liegt rund 150 Kilometer südlich von Chennai (ehemals Madras), der Hauptstadt von Tamil Nadu an der Ostküste Indiens – ganz im Süden.

In Auroville ist es sehr grün.

Im Hintergrund lugt der goldene Tempel hervor… (Foto: Sonja Ernst).

Das wichtigste Verkehrsmittel ist das Motorrad. Natürlich gibt es auch Autos und einige nehmen das Fahrrad. Wenn man in Auroville herumradelt, kommt man immer wieder am goldenen Tempel vorbei – dem Matrimandir. Der Tempel ist eine riesige, leicht abgeflachte Kugel. Höhe: knapp 30 Meter. Durchmesser: 24 Meter.

Das Matrimandir steht mittendrin in Auroville und zieht viele Besucher an. Aber so einfach rein kommt man nicht. Man kann sich nur persönlich und für den Folgetag anmelden. So will man die Zahl der Interessierten limitieren, denn hier wird eben auch meditiert. Aber der Aufwand lohnt sich. Der „Tempel der Mutter“ ist ein faszinierender Ort, ob zur versunkenen Meditation (dafür wird die Zeit aber kaum reichen) oder zum Staunen.

In einigen Medienberichten über Auroville heißt es, dass sich die Menschen abschotten. Dass Journalisten keinen Zutritt hätten. Ich kann das nicht bestätigen. Ich bin mit meinem Fahrrad herumgefahren. Wer Zeit und Lust hatte mit mir zu reden, hat mit mir geredet – und davon gab es einige. Ich bekam eine Mischung aus Begeisterung zu hören aber auch kritische und nachdenkliche Töne. Denn nichts ist perfekt. Ich war auch in Kontakt mit der Pressestelle.

Gedacht ist die Stadt für 50.000 Menschen

Das Matrimandir ist der „Tempel der Mutter“ – und diese Mutter ist Mirra Alfassa. Bei der Gründung von Auroville 1968 war sie schon 90 Jahre alt. Die Französin war die spirituelle Gefährtin des indischen Philosophen und Yogis Sri Aurobindo, dem Begründer des integralen Yogas. Um Sri Aurobindo bildete sich ab 1920 ein Ashram im Nahe gelegenen Pondicherry. Mirra Alfassa organisierte und leitete später den Ashram. Und sie kämpfte für die Idee einer universellen Stadt. In Auroville nennen sie viele „die Mutter“.

Geplant hat Alfassa die Stadt für 50.000 Menschen und zwar in Form einer Spiral-Galaxie – mit dem Matrimandir als zentralem Punkt. Um die Stadt weiterzuentwickeln, muss die Gemeinschaft mehr Land kaufen. Doch die Grundstückspreise sind in den vergangenen Jahren gestiegen – nicht nur in Auroville, in vielen Ecken Indiens. In Auroville vor allem auch auf Grund der Bekanntheit des Ortes.

Auroville experimentiert – aber mit welchem Ziel?

Momentan gibt es in Auroville zu wenige Wohnungen – es gibt viel mehr Interessierte. Singles, Paare, Familien. Mittlerweile wird etwas planvoller gebaut und entwickelt. Zuvor konnten sich Aurovillaner ein Stück Land aussuchen und bauten darauf. Jetzt will man auch nachhaltige Häuser für mehrere Haushalte bauen.

In Auroville leben viele Kinder und vor allem Menschen über 40. Viele der 18- bis 30-Jährigen gehen weg – wegen Job oder Studium, um die Welt kennenzulernen oder auch die Heimat der Eltern. Einige kehren zurück.

In Auroville wird diskutiert und eben auch gestritten, wie die Zukunft aussehen kann. Es sind vor allem die Pioniere, die Auroville mit aufgebaut haben, die den Ideen der Gründerin Alfassa treu bleiben wollen – eins zu eins. Andere sehen die Zukunft von Auroville eher in einer Art Öko-Dorf. Sie wollen die ursprünglichen Pläne pragmatisch anpassen – entsprechend der Gegebenheiten. Wie spirituell Auroville sein soll, darüber wird debattiert. Und sicherlich auch über die Frage: Was denn nun Spiritualität genau bedeutet. Für manche ist das Matrimandir der wichtigste Ort auf der Suche nach dem supramentalen Bewusstsein. Für andere zählen der Wald, Nachhaltigkeit und der Erhalt der Natur. Und für wieder andere ist das Miteinander so viel unterschiedlicher Menschen auf dem Sportplatz ein wichtiges Puzzleteil der Utopie.

In Auroville gibt es auch Banyanbäume.

Es gibt viele Banyanbäume mit ihren wunderschönen Luftwurzeln. (Foto: Sonja Ernst)

Sicher ist, dass die Aurovillaner experimentierfreudig sind. Sie haben früh Solartechnologien eingesetzt. Betreiben ökologische Landwirtschaft und haben massiv das Land aufgeforstet – erfolgreich. Sie betreiben Kindergärten und Schulen, die auch von Nicht-Aurovillanern, die in den angrenzenden Dörfern leben, besucht und genutzt werden.

Auroville steht in Kontakt mit den lokalen Behörden, vor allem was Fragen der Umwelt angeht. Andererseits ist Auroville nur in Indien denkbar. Die Gemeinschaft hat von Anfang an viele Freiheiten bekommen.

Aurovilles Rathaus ist ein futuristisches Gebäude.

Das Rathaus von Auroville (Foto: Sonja Ernst).

Und wie wird man nun Aurovillaner? Zunächst verbringt man drei Monate vor Ort. Die Kosten für Unterkunft, Essen und so weiter trägt man selbst. Danach kann man ein Probejahr beantragen, darüber entscheidet der „Entry Service“ von Auroville. In diesem Jahr hat man eine Art Paten, der einem zur Seite steht. Danach entscheiden der Neuling und die Gemeinschaft über die Aufnahme in Auroville.

Auroville ist nicht kommunistisch. So sehen auch die Häuser unterschiedlich aus. Es gibt schicke Villen. Manche haben viel Platz, andere wenig. Man muss nicht all sein Hab und Gut in die Gemeinschaft geben, aber man kann auch mit wenig kommen. Was alle gleich macht, ist die regelmäßige und kollektive Arbeit, die von allen erwartet wird – und auch darüber wird diskutiert.

One response to Auroville: Gesellschaftslabor in Indien

  1. Hallo Frau Ernst,

    Auroville ist mir als Reisebuchautor ebenfalls ein attraktives Thema.

    Weniger attraktiv für Touristen und politische Entscheidungsträger ist es
    hingegen, sich Fragen zum Stand der Frau zu stellen, wie es Christoph Hein tat.

    Schöner Gruß aus Dehli, Lutz Redecker

    Georg Blume/Christoph Hein
    Indiens verdrängte Wahrheit
    Streitschrift gegen ein unmenschliches System
    200 Seiten | Euro 17,– (D)
    ISBN 978-3-89684-154-4

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