Sahitya Akademie, die Die nationale Literaturakademie Indiens

Indien: Der Protest der Schriftsteller

In Indien geben immer mehr Autoren ihre Preise an die nationale Literaturakademie Sahitya Akademi zurück. Aus Protest. Sie fordern, dass sich die Akademie für Toleranz und Meinungsfreiheit engagiert; dass sie sich gegen Gewalt ausspricht. Die Akademie hat sich endlich geäußert. Aber der Protest richtet sich nicht allein gegen die Akademie, sondern auch gegen ein Klima der Angst und Intoleranz, das viele beklagen. Für manche in der Regierung ist der Protest eine fabrizierte Revolte. Und: Wer nicht mehr schreiben will, kann ruhig aufhören.


Der Dichter und Intellektuelle MM Kalburgi wurde am 30. August erschossen – in seinem Haus im südlichen Bundesstaat Karnataka. Die Täter sind weiterhin unbekannt. Er war 2006 Preisträger der Sahitya Akademi, der nationalen indischen Literaturakademie. Diese zeichnet einmal im Jahr einen Autor für seine Arbeit aus. In den vergangenen Wochen haben über 40 dieser Preisträger ihre Auszeichnungen zurückgegeben oder Autoren sind von ihren Posten zurückgetreten. Aus Protest.

Denn bis Freitag hat die Sahitya Akademi geschwiegen. Nicht nur nach dem Mord an Kalburgi. Die Akademie schwieg auch als Ende September Mohammed Akhlaq totgeschlagen wurde – von einer Meute. Die muslimische Familie soll ein Kalb geschlachtet, Teile davon gegessen und den Rest im Kühlschrank gelagert haben. Die Kuh ist im Hinduismus heilig, und vielen radikalen Hindus wird sie zurzeit zur Super-Heiligen. (Die Familie Akhlaq hatte übrigens Schafsfleisch in ihrem Kühlschrank, kein Rind.)

Pakistan als Erzfeind

Die Akademie schwieg auch als am 12. Oktober Sudheendra Kulkarni mit Tinte übergossen wurde – von Shiv Sena-Leuten. Kulkarni wollte später an diesem Tag gemeinsam mit Kurshid Mahmud Kasuri dessen Buch „Neither a Hawk nor a Dove: An Insider’s Account of Pakistan’s Foreign Policy“ vorstellen. Kasuri war von 2002 bis 2007 Außenminister Pakistans. Für die Shiv Sena ist Pakistan der Erzfeind und alle, die den gewaltfreien Kontakt mit dem Nachbarland suchen, gelten ihnen als Feinde Indiens. Kulkarni ging trotzdem zur Buchvorstellung.

(Kulkarni selbst ist auch recht interessant: Heute leitet er den Think Tank Observer Research Foundation in Mumbai und schreibt regelmäßig in verschiedenen Medien. Er gehörte zunächst der Kommunistischen Partei an, dann wechselte er zur BJP, die für eine wirtschaftsliberale und hindu-nationalistische Politik steht. Er wurde zu einer wichtige Figur innerhalb der BJP. 2008 war er in den Stimmen-Kauf von Parlamentariern verwickelt – dem sogenannten Cash-for-Votes Skandal. Kulkarni selbst sieht sich als Whistleblower.)

Tweet von Rimmel Mohydin.

Einer der besten Tweets zur Attacke. Kukarni ging trotzdem zur Buchveröffentlichung und schwieg über den Tinten-Angriff. (https://twitter.com/Rimmel_Mohydin/status/653502315047948288)

Nach der Attacke wurden sechs Anhänger der Shiv Sena – „Shivajis Armee“ – festgenommen. Die hindu-nationalistische Regionalorganisation hat ihre Wurzeln im Bundesstaat Maharashtra. Zu ihren ersten Slogans zählt: „Maharashtra für Maharashtrier.“ Zuwanderer aus anderen Teilen Indiens, sind hier nicht willkommen. Aber nicht nur die. Die Shiv Sena hat auch eine anti-muslimische Haltung für sich entdeckt. Der muslimischen Minderheit in Indien unterstellt sie gerne, dass sie mit der pakistanischen Regierung kollaboriert. Und auch alle Liberalen, die sich für Pluralismus und Säkularismus einsetzen, sind ihnen ein Dorn im Auge. Die Shiv Sena ist in Maharashtra der Junior-Koalitionspartner der BJP.

Shiv Sena: Tinte-Attacke als gewaltfreier Protest

Die Täter hinter dem Tinten-Angriff sind zwischen knapp 30 und 50 Jahren alt, so der Indian Express. In dem Artikel wird einer von ihnen, Prakash Husbe, zitiert: „Throwing ink is a valid way of recording protest and it was the most non-violent option.“ Husbe ist 28 Jahre alt. Er sagt, er gehöre zur Shiv Sena seit er 14 Jahre alt ist. Der 47-jährige Ashok Waghmare sagt: „I joined Sena because it was the only party that strongly takes up the case of Hindutva.“ Patriotismus und Hindutva als treibende Kräfte. Die Hindutva – das Hindutum – ist der Versuch anhand eines politisierten Hinduismus eine Hindu-Identität zu schaffen, die es eigentlich nicht gibt. Den Hinduismus zeichnet gerade aus, dass er verschiedene religiöse Strömungen, Rituale und Glaubensbekenntnisse umfasst.

Anfang Oktober sorgten Shiv Sena-Leute dafür, dass ein Konzert des pakistanischen Ghazal-Sängers Ghulam Ali abgesagt wurde (mehr hat The Hindu). Pakistanis sind nicht willkommen. Am Samstag (24.10.) wurde das Theaterstück einer pakistanischen Gruppe in Delhis Satellitenstadt Gurgaon von Shiv Sena-Leuten gestürmt (mehr hat der Indian Express).

Solche radikalen Hindu-Kräfte (und das ist nicht allein die Shiv Sena) wirken nicht erst seit 2014 und damit seit dem Wahlsieg der BJP. Vor dem Mord an Kalburgi wurden zwei weitere Intellektuelle ermordet. Govind Pansare im Februar dieses Jahres; Narendra Dabholkar bereits im August 2013.

Tweet von Uday Prakash

Der Autor Uday Prakash war der erste, der seine Auszeichnung zurückgab. (https://twitter.com/udayprakash2009/status/655714348279533569)

Uday Prakash (seine Bücher wurden auch ins Deutsche übersetzt) war der erste, der Anfang September seine Auszeichnung an die Sahitya Akademi zurückgab. Dann folgten immer mehr Autoren seinem Beispiel. Das Magazin Outlook widmete seine Ausgabe vom 17. Oktober diesem Protest: „Rage against the dying of the Light“ war der Aufmachertitel. Scroll.in stellt einige Autoren vor (mit Videos). Sie alle beklagen eine Stimmung der Angst; den Verlust von Meinungsfreiheit, von Pluralismus und Säkularismus. Auch Nayantara Sahgal schloss sich dem Protest an. Die Rückgabe ihres Preises begründete sie in einem offenen Brief, der in Auszügen z.B. auf Livemint erschien:

Offener Brief von Nayantara Saghal.

Nayantara Sahgal wurde 1986 mit dem Sahitya Akademi Award ausgezeichnet. Die 88-Jährige ist die Nichte von Jawaharlal Nehru, dem ersten Premier des unabhängigen Indiens und Verfechter eines säkularen Indiens.

Sie alle vermissten eine klare Position der Sahitya Akademi. Doch die schwieg. Erst am Freitag kam das führende Gremium der Akademie zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen und forderte schließlich die Sicherheit für Autoren sowie das Recht auf Meinungsfreiheit. (Das volle Ergebnis gibt es hier.) Im Vorfeld der Sitzung demonstrierten rund 100 Schriftsteller vor dem Gebäude der Akademie. Und sie waren nicht allein – es gab eine Gegendemonstration von ihren Kollegen. Diese werfen ihnen vor, Politik zu betreiben. Und fragen, warum die Autoren nicht bei anderen Anlässen ihre Preise zurückgegeben haben.

Natürlich geht es bei der Debatte nicht allein um die Akademie, sondern auch um die Regierung sowie Organisationen, wie die Shiv Sena oder den RSS. Der Historiker Ramachandra Guha sagte in einem TV-Interview mit India Today:

Interview mit dem Historiker Ramachandra Guha.Dass in Indien die Intoleranz zunimmt, auch die Gewalt, das bestreiten die Regierung und ihre Anhänger. Modi und seine BJP wurden 2014 mit einer absoluten Mehrheit gewählt (sie holten rund 35 Prozent der Stimmen; Indien hat ein Mehrheitswahlrecht). Es gab überzeugte BJP-Wähler, aber vielen ging es auch im die Abwahl der alten Regierung, nämlich einer Koalition unter der Führung der Congress Partei. Es hatte Korruptionsskandale gegeben; und Rahul Gandhi, der Spross der Familie Nehru/Gandhi konnte die Menschen nicht für sich gewinnen. Der dynastisch geprägte Congress erlebte eine desaströse Niederlage.

Seid ihr mit uns oder gegen uns?

Für Modi und die BJP sind ihre Kritiker vor allem schlechte Verlierer, die den Zeiten unter dem Congress nachweinen und nicht akzeptieren wollen, dass nun eine neue Regierung dran ist. Zum Protest der Schriftsteller schweigt Premier Modi bislang. Er brauchte auch zehn Tage, bis er sich zu dem Mord an Mohammed Akhlaq äußerte. Dafür sprach zum Beispiel der Kulturminister Mahesh Sharma. Der sagte in einem Interview mit dem Indian Express über den Protest der Schriftsteller: „If they [the writers] say they are unable to write, let them first stop writing. We will then see.“ Eine erstaunliche Aussagen für einen Kulturminister. Wer braucht schon Literaten?!

Auch Finanzminster Arun Jaitley meldete sich zu Wort und sprach von einer gemachten Revolte. Er drehte den Spieß einfach um: „Is this protest real or a manufactured one? Is this not a case of ideological intolerance?“ Hier zeigt sich schnell die Polarisierung innerhalb so vieler Debatten: Es geht schnell um das „wir“ und „die“. Ein „seid ihr mit uns oder gegen uns“. Doch das bringt Indiens Gesellschaft nicht weiter.

Derweil laufen die Wahlen im Bundesstaat Bihar auf Hochtouren. Heute (28.10.) beginnt die dritte Phase.  Bis 5. November wählen rund 66 Millionen Menschen in Bihar. Erste Ergebnisse werden für den 8. November erwartet. Aus der Wahl wurde längst auch eine Wahl über die Regierung Modi. Man beschimpft sich gegenseitig und alle Parteien setzen im Wahlkampf auf Kastenzugehörigkeiten. Auch das bringt Indiens Gesellschaft nicht weiter.

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