Blick in einen Kuhstall.

Lynchmord in Indien: Es war Schaf, kein Rind

Im Kühlschrank der Familie Akhlaq lag Schaffleisch, kein Rindfleisch. So viel steht fest. Aber darum geht es gar nicht. Deshalb sind auch Rindfleischparties, die aus Solidarität gefeiert werden, wenig sinnvoll. Immerhin, endlich spricht Premier Narendra Modi zu dem Lynchmord an Mohammed Akhlaq.


In der Nacht vom 28. auf den 29. September rottet sich eine Meute vor dem Haus der Familie Akhlaq zusammen. Das passiert rund 50 Kilometer von der indischen Hauptstadt Delhi entfernt, in dem Dorf Bisara, im Bundesstaat Uttar Pradesh. Es ist ein aufgebrachter, irrer Mob. Die muslimische Familie soll heimlich ein Kalb geschlachtet haben und das Fleisch im Kühlschrank lagern. (Ergänzung 11.10.: Ob es wirklich ein Mob war, stellen manche mittlerweile in Frage. Siehe auch unten die Links zu Kafila und Outlook. Mehr Stimmen bezweifeln langsam, dass es hundert oder sogar mehr Täter und Mitläufer waren.)

Es ist ein Gerücht, das wohl gezielt verbreitet wird. Es gibt also jemanden, der die Stimmung anheizt, und es gibt Menschen, die mitmachen.

Die Meute schlägt den 50-jährigen (die Altersangaben variieren) Mohammed Akhlaq tot. Sie prügeln mit einer Nähmaschine auf seinen Kopf ein, zerren ihn aus dem Haus und lassen erst von ihm ab, als er leblos daliegt. Sein Sohn Danish wird schwerst verletzt. Er liegt im Krankenhaus und ist gestern (09.10.) wieder zu Bewusstsein gekommen. Wie sehr die Gewalt auf Dauer seinen Körper zeichnen wird, ist noch unklar. Sicherlich wird Danish stark traumatisiert sein, wie der Rest der Familie.

Nach dem Mord an Mohammed Akhlaq

Acht Verdächtige wurden bislang verhaftet. Gegen insgesamt zehn liegt ein FIR (First Information Report) vor: eine Anzeige, die von der Polizei registriert wird. Die Situation in dem Dorf Bisara bleibt angespannt. Viele sind wütend, dass nun ein schlechtes Licht auf ihr Dorf fällt. Man hätte immer friedlich zusammen gelebt. Die Kinder aus den muslimischen Familien gehen zurzeit nicht mehr in die Schule – aus Angst. Die Familie Akhlaq sagt, sie würden unter Druck gesetzt, Zeugenaussagen zurück zu ziehen. Bisara ist ein kleines Dorf – man kann sich nicht aus dem Weg gehen.

Die Täter seien von außen gekommen, es seien hunderte gewesen, heißt es im Dorf. Doch die kleine Straße, in dem das Haus der Familie Akhlaq steht, sei viel zu eng für so viele Menschen. Die Zahlen nach oben zu treiben, sei auch der Versuch, Schuld zu verschleiern. Bei hunderten von Tätern, ist es schwierig, die Schuldigen zu finden. Das beschreibt eine Gruppe politisch Aktiver in dem Blog „Kafila – run from big media“ nach einem Besuch von Bisara. Hier ist der Bericht: Dadri Beef Rumour and Lynching – A Report from Bisara village. In Outlook beschreibt Prem Shankar Jha seine Recherchen in Bisara. Die Familie hätte niemals heimlich ein Kalb schlachten können. Der Mob und die Tat seien choreographiert gewesen, um Angst und Gewalt zu verbreiten.

Nach dem Mord an Mohammed Akhlaq folgten viele Berichte, Kommentare, Talkshows und Hashtags. Nur Premierminister Narendra Modi schwieg die nächsten zehn Tage. Dafür sprachen andere aus seiner Partei, der BJP. Und die sprachen gerne von einem Unfall, den man nicht politisieren solle. So zum Beispiel Tarun Vijay im Indian Express (02.10.). Tarun Vijay sitzt für die BJP in der Rajya Sabha, dem Oberhaus (vergleichbar mit dem Bundesrat), und er ist Mitglied im Bundesvorstand der BJP. Sein Kommentar beginnt so:

Bildschirmfoto 2015-10-10 um 01.38.53Und dann geht es weiter:

Kommentar im Indian Express.Es folgt dann ein Lamento, dass Gewalttaten von der „säkularen Presse“ unterschiedlich wahrgenommen würden. (In Online-Kommentaren ist auch gerne die Rede von „sick-u-liar media“.) Nicht nur auf Tarun Vijay folgten viele Gegenstimmen. Der bekannte Politologe Pratap Bhanu Mehta antwortete im Indian Express (03.10.) direkt auf Tarun Vijay. Aus Protest folgten Beef-Parties; Hashtags wie #ieatbeefcomeandkillme oder #killmecowisnotmymom machten die Runde. Gut gemeint, aber um das Rind geht es nicht. Akhil Kumar griff das auf Scroll.in auf.

Manchmal werden die Rinder auch von den Anwohnern gefüttert.

Zwischendurch gibt es auch mal was Leckeres. Aber oft fressen die Rinder, die durch die Städte streifen, Plastikreste und anderen Müll. (Foto: Sonja Ernst)

Seit August 2013 wurden Narendra Dabholkar, Govind Pansare und M.M. Kalburgi ermordet. Drei säkulare Stimmen, die sich kritisch mit Religion und/oder dem Kastenwesen beschäftigt haben. Drei ruhige Stimmen, keine Aufwiegler. Bislang ist unklar, wer hinter den Morden steckt. Extreme Hindu-nationalistische Gruppen sprechen aber ganz offen Drohungen aus. Sie vergessen, dass Indien per Verfassung ein säkulares Land ist. Aber vielleicht lässt sich die Geschichte ja umschreiben.

Jawaharlal Nehru, der erste Premier Indiens, steht für ein säkulares Indien. In Delhi wurde gerade der Direktor des renommierten „Nehru Museum und Bibliothek“ abgesetzt. Die Regierung will die Einrichtung umbenennen. Nehru soll nicht mehr im Mittelpunkt stehen, sondern Premier Modi. Andere Beispiele lassen sich finden. Es zeichnet sich ein politisches Klima ab, das keinen Platz hat für Minderheiten, für Liberale – überhaupt für Meinungsfreiheit hat. Hass und Angst könnten die Oberhand gewinnen.

Blick in eine Kuh-Herberge in einem indischen Tempel.

Diese Rinder haben Glück. Sie leben in einem Tempel in Kanchipuram, im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu. Mit ihrer Milch werden die Götter gebadet. (Foto: Sonja Ernst)

Nach zehn Tagen Schweigen, hat sich Narendra Modi zu dem Mord an Mohammed Akhlaq geäußert. Die Menschen sollten die Armut bekämpfen, nicht sich gegenseitig. Das sagte er während einer Wahlkampf-Rede in Bihar. In dem Bundesstaat stehen Wahlen an, die auch ein Gradmesser für die Modi-Regierung sind. Im Februar hatte Dehli gewählt und die BJP eine arge Schlappe erlitten. Aber die Hauptstadt hat ihre eigenen Regeln. Der Wahlausgang in Bihar wird spannend. Klar ist: Das Thema Rindfleisch ist längst im Wahlkampf angekommen.

(Ergänzung 11.10.: Manche Kommentatoren bewerten die Ermordung von Mohammed Akhlaq bereits als Wendepunkt. 2014 hatten viele Modi gewählt, weil sie sich Wirtschaftswachstum, Jobs und eine bessere Regierungsführung erhofften (und es war auch eine klare Wahl gegen die Vorgängerregierung). Modi konnte damals in der politischen Mitte fischen. Doch diese Wähler müssten jetzt erkennen, dass Modis Regierung Pluralismus, Toleranz, Säkularismus in Frage stellten. Dazu zum Beispiel Swaminathan S. Anklesaria Aiyar in der Times of India (11.10.). Ob das stimmt, werden die Wahlen in Bihar zeigen, die beginnen morgen (12.10.).

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