Sanchoy Sachdev und seine Kollegen vom Love Commando.

Love Commando: Kämpfen für die Liebe

Sie gehören zum „Love Commando“. Diese indische Organisation arbeitet ehrenamtlich und im Verborgenen. Sie hilft Paaren auf der Flucht vor den eigenen Familien. Denn manche Familien dulden es nicht, wenn sich zwei verlieben, obwohl sie nicht derselben Kaste angehören oder nicht dieselbe Religion teilen. Sie drohen ihren Kinder, sie schlagen oder ermorden sie gar. Das „Love Commando“ beschützt solche Paare.


(Ich habe auch für den Deutschlandfunk in der Sendung „Informationen am Morgen“ am 9.12. über das Love Commando berichtet. Das Audio gibt es noch für ein paar Wochen zum Nachhören: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2015/12/09/dlf_20151209_0748_2bdc85b6.mp3)

Ashu und Bhagga sind verdammt jung für die Entscheidung, die sie treffen mussten. Verdammt mutig sind sie auch. Ashu ist 22. Bis vor kurzem hieß er noch Mohammad. Dann konvertierte er vom Islam zum Hinduismus, um möglichst schnell und reibungslos die 19-jährige Bhagga heiraten zu können. Die beiden hatten keine Zeit zu verlieren, sie sind auf Flucht und fürchten um ihr Leben.

Ihre Familien wollten ihre Liebesbeziehung nicht dulden. Ein Muslim und eine Hindu? Das war inakzeptabel. Sie drohten ihren Kindern; Bhagga sollte mit einem anderen Mann verheiratet werden. Da trafen die beiden ihre mutige Entscheidung: Sie rannten weg – aus einer Kleinstadt im westlichen Bundesstaat Maharashtra in die Hauptstadt Delhi. Nachdem sie durchgebrannt waren, wurde das Elternhaus Mohammads von Bhaggas Familie angezündet. Sie komme aus einer einflussreichen Familie, sagt Bhagga. Wie es seinen Eltern geht, weiß Mohammad nicht.

In Delhi haben sie Schutz gefunden in einer geheimen Wohnung. Die Organisation Love Commando (oder auf Facebook) unterhält insgesamt acht solcher Zufluchtsorte im Großraum Delhi sowie erste Anlaufstellen in ganz Indien. Es gibt eine Hotline für Paare, die Rat brauchen, und im äußersten Fall bietet das „Liebes-Kommando“ auch Fluchthilfe. Denn in Indien werden Paare, die gegen den Willen ihrer Eltern heiraten, teils bedroht, verfolgt oder gar ermordet. Das passiert dann, wenn sich zwei verlieben, obwohl sie nicht derselben Kaste angehören oder sie nicht dieselbe Religion teilen.

Eine arrangierte Hochzeit ist normal – und von vielen gewollt

Solch eine Liebes-Heirat gegen den Willen der Eltern ist in Indien die Ausnahme. Der Normalfall ist die arrangierte Hochzeit. Das heißt, die Eltern bestimmen, wer zueinander passt. Kaste und Religion sind für die Auswahl entscheidend. Ebenso Ausbildung, Einkommen und/oder Besitz. Auch das Horoskop ist wichtig, denn viele Inder sind äußerst abergläubisch. Die Tageszeitungen sind voll mit Heiratsanzeigen und im Netz gibt es hunderte von Webseiten, um die zukünftigen Schwiegertöchter und -söhne zu finden.

Der Heiratsmarkt in Indien spielt sich in den Zeitungen und im Netz ab.

Heiratsanzeigen in der Hindustan Times. Es gilt: Je genauer, desto besser. Eine Brahmin-Familie (aus der höchsten Kaste) sucht einen Schwiegersohn. Die Tochter bietet eine gelungene Mischung aus traditionellen Werten und modernem Aussehen.

Doch dieses Liebes-Arrangement ändert sich: Vor allem in der städtischen Mittel- und Oberschicht treffen die Eltern zwar eine Art Vorauswahl, aber die jungen Männer und Frauen lernen sich kennen und entscheiden mit. Sie lehnen von den Eltern Auserwählte so lange ab, bis es passt. Für die meisten jungen Leute ist die halb-arrangierte Hochzeit kein Problem. Für sie ist es wichtig, dass die Eltern den neuen Partner akzeptieren. Denn die Familie hat einen hohen Stellenwert in Indien – bei allem gesellschaftlichen Wandel. Die Familie gehört zum Leben und zum Alltag dazu. Das bedeutet auch, dass bei einer Hochzeit nicht nur zwei Menschen heiraten, sondern zwei Familien.

Das Festhalten an starren Tradition

Doch neben allem Wandel, der ja stattfindet, Kaste und Religion spielen bei der Heirat eine Rolle. So sind zum Beispiel nur fünf Prozent der Inder mit jemandem aus einer anderen Kaste verheiratet (darüber berichtet The Hindu). Die rigiden Traditionen haben Bestand und werden auch mit Gewalt verteidigt. Sogenannte Ehrenmorde (denn „there is no honour in killing“) gibt es in Indien schätzungsweise hunderte pro Jahr. Exakte Zahlen fehlen jedoch.

Dieser Irrsinn, den auch Ashu und Bhagga erleben mussten, findet sich nicht nur in den Dörfern, ebenso in den Städten; in armen und reichen Familien, ebenso in gebildeten und ungebildeten Familien. Eltern, die den angeblichen Tabubruch ihrer Kinder akzeptieren, werden teils von den eigenen Familien unter Druck gesetzt. Ihnen droht die soziale Missachtung durch die eigene Kaste oder Religionsgemeinschaft.

Sanchjoy Sachdev vom Love Commando.

Sanchjoy Sachdev ist einer der Gründer des Love Commandos. In dem Kampf für die Liebe hat er seine Mission gefunden. (Foto: Sonja Ernst)

Gegen all diese Widerstände kämpft seit 2010 die Organisation Love Commando. Zum Kernteam gehören sechs Männer, hinzu kommen viele Unterstützer. Sie alle arbeiten ehrenamtlich und sind auf Spenden angewiesen. Der Journalist Sanchjoy Sachdev ist einer von ihnen und Mitgründer des Liebes-Kommandos.

Er ist überzeugt von der Macht der Liebe und dass die jungen Leute langfristig die gesellschaftlichen Normen ändern werden. Paare wie Ashu und Bhagga tun das bereits. Sie haben eine mutige Entscheidung getroffen.

Interessant ist auch die Ausgabe „The Marriage Issue: Loves, Laws, Lusts“ des englischsprachigen Magazins „Himal Southasian“. Artikel über fast alles rund um die Liebe in Südasien.

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